… bemerkenswerte Grandezza und Eleganz.
… Edgar Knechts Lieder werden durch ihre leicht spielerische Magie und ihre erzählerische Intelligenz zu Orten, an denen fesselnde Imaginationen assoziativ angestoßen werden. Solche, die für einen Moment vor Spannung den Atem stocken lassen.
(Jazzthetik)

Edgar Knecht – Die Räume hinter den Tönen öffnen. 

„Der Pianist und Komponist Edgar Knecht gilt als einer der versiertesten Spezialisten für kreatives Solopiano“ – ein Satz der Kritik, der so einfach daher kommt und doch so tiefgründig ist, wenn er wirken darf. Die musikalische Welt von Edgar Knecht ist auch deshalb so kreativ, weil dort Töne etwas dürfen, was sie in der heutigen Musik meist nicht mehr dürfen: ausklingen. Und auch mal liegen bleiben.

„Meine Musik braucht eben diese Zeit“, reflektiert Edgar Knecht, „ich spiele nur gut, wenn ich es schaffe, mir intensiv dabei zuzuhören, während der Ton im Raum verklingt.“ Das schafft er mit „Dance On Deep Waters“, seinem neuen Werk, mit bemerkenswerter Grandezza und Eleganz. Edgar Knecht hat sich viel mit Neuer Musik beschäftigt, etwa mit György Ligeti und dessen ausformulierten Pausen oder mit John Cages Denken über die Wichtigkeit des jeweils einzelnen Tons. Über das Weglassen alles Überflüssigen und die damit einhergehende Konzentration auf die Einfachheit der Stücke, die auch bei Edgar Knecht gerade deshalb zu einer kraftstrotzenden Größe wachsen und aus der Zeit des Ausklingens heraus geradezu explodieren. Edgar Knechts Klangsprache ist auch ein wohltuendes Statement gegen die überladene, nichtssagende Geschwätzigkeit vieler aktueller Kompositionen. „Ich suche beim Komponieren nur nach dem Zwingenden.“, erklärt der Pianist. Die Kompositionen mögen reduziert und streng geordnet sein, doch obwohl sie Eisflächen erzeugen können, haben sie nie etwas Abweisendes oder Verstörendes. Kennen sie doch gleichzeitig auch die südliche Wärme sowie vitale tänzerische Impulse. Edgar Knechts Lieder werden durch ihre leicht spielerische Magie und ihre erzählerische Intelligenz zu Orten, an denen fesselnde Imaginationen assoziativ angestoßen werden. Solche, die für einen Moment vor Spannung den Atem stocken lassen. „Und genau das will ich“, lächelt Edgar Knecht ein wenig verschmitzt, „mit meiner Musik Spannung erzeugen und halten. Wie bei einem Krimi.“ Diese Krimi-Spannung entlockt Edgar Knecht deutschen Volksweisen. „Volkslieder willst du machen? Klingt da nicht immer ein bisschen braune Vergangenheit mit?´, haben viele zu mir gesagt“, erinnert sich Knecht, „Ich habe Latin gespielt, aber dadurch wurde ich kein Kubaner. Ich habe New Orleans Jazz gemacht und bin immer noch kein Südstaatler. Ich muss also meine eigenen Wurzeln ins Spiel bringen, um authentisch zu musizieren. Dabei spielt es dann auch keinerlei Rolle, in welchem Gestrüpp aus Mythen und Vergangenheit sich solch alte Lieder verfangen haben. Im Moment des Schaffens brauche ich eine fast jungfräuliche Unbefangenheit. Viele Volkslieder hätten die Emotionalität und Spannung gehabt, um von Edgar Knecht bearbeitet zu werden. Viel zu viele. Auf Dance On Deep Waters geschafft haben es unter anderen „Die schöne Lilofee“ (auf der Platte als „Lilofee“), die tragische Geschichte des liebenden Geschwisterpaares „Es waren zwei Königskinder“ (auf der Platte als „Tiefe Wasser“), das Wiegenlied „Guten Abend, gut` Nacht“, das mit der Melodie von Johannes Brahms fast jeder kennt. Und mit dem Flugblattlied „Die Gedanken sind frei“ schickt Edgar Knecht ein echtes Schwergewicht ins Rennen. Auch beschäftigt er sich auch mit der Thematik des Feierns, bis der Arzt kommt – in Schwesterlein, Schwesterlein, wann gehn wir nach Haus?“ (auf der Platte als „Schwesterlein“). ? Volkslieder sind kein leichter Stoff. Da geht es tief rein. Häufig pendeln sie voller Emotion zwischen Leben, Liebe und Tod. Aber genau daraus ziehen sie auch ihre knisternde Spannung. „Damit ich mit den Stücken arbeiten kann, müssen sie mich erst einmal berühren“, erklärt er. Nach der Berührung folgt die zweite Phase, der Abstand zum Stück.“ Der wird benötigt, um etwas formen zu können. Emotion allein ist ja keine Kunst. Erst im daraus resultierenden Formen und Gestalten manifestiert sich der künstlerische Ausdruck. Dazu gehört nicht nur, dass sich der Text der zu bearbeitenden Stücke in Edgar Knechts textlose Melodien eingräbt, sondern auch das ausgiebige Feilen an der Stückdramaturgie. Denn Edgar Knecht leuchtet diskret in alle Winkel, er lässt die Musik blühen und die detaillierten Stimmungen auf kleinstem Raum atmen. Nichts könnte dies besser beschreiben als der Albumtitel Dance On Deep Waters. Die tiefen Wasser, die er in allen Feinheiten artikuliert, sind da, aber bevor es hinab in den Schlund geht, wird – illustriert durch temperamentvolles Spiel – auf den Wellen getanzt.

Franz X.A. Zipperer (Jazzthetik)

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