Wahrlich ein Meilenstein zeitgenössischer Jazzgeschichte … Buchstäblich von den Sitzen reißend … Beifall, Beifall, Beifall.

(Augsburger Allgemeine)

Wenn „Heißa Kathreinerle“ zur „Hot Kathy“ wird

Das Edgar Knecht Trio mischt im Leipheimer Zehntstadel das deutsche Gesangbuch auf

So manch einer – und nicht nur der popkulturellen Meinungsmache – vertritt die Ansicht, dass das treudeutsche Genre inniglicher Volksweisen schon bei seiner Geburt zu alt für diese Welt war. Und erhofft sich demgemäß, im Zeitalter hardrockender Allmacht, den Seelenspeck teutonischen Männerchorwesens als längst verloren, vergessen und verklungen.
Doch gemach! Da haben die Antipoden Heino freundlicher Unterhaltungsindustrie die Rechnung ohne die emotionale Aufmüpfigkeit des Edgar Knecht Trios aus Kassel gemacht. Denn das fuhr, mit hochvirtuoser Frische, mit ungehemmter Angriffslust und ziemlich wahnsinnsnah, seine musikalische Pranke aus. Und zwar mit sich überschlagender Vehemenz.

Da hat sich ein auf unglaublichem Niveau brillierender, glutheiß auftrumpfender Pianist und Jazzkomponist Edgar Knecht, mit dem expressiv alle perkussionistischen Extreme ausleuchtenden Tobias Schulte und dem von Urkraft und Zartheit berauschten Kontrabassisten Rolf Denecke zu einem Trio zusammen gefunden, das sich zwar musikalisch gegenseitig größtmögliche Freiheit gewährt, doch mit einem punktgenau aufeinander abgestimmten Girlandenfeuerwerk sich synchron auf den Atem des Publikums einstellt und dabei in bravouröser Spontaneität mit seinem Anliegen verwächst: dem Anliegen des Erhalts deutschen Volksliedgutes. Das allerdings mit den Mitteln rhythmisch angereicherter Vielfalt und tonal aufgeweckter Jugendlichkeit.

Romantischer Sehnsuchtsklang also, aufgemischt mit jazzig avancierter und groovend poppiger Klangsprache. Kein Wanderführer „Im Frühtau zu Berge“, sondern ein Streifzug durch das „Old German Songbook“. Keine melodische, biedermeierisch oberflächliche Blümchentapetenpoesie, sondern ein grandioser „Dance On Deep Waters“, wie sich dieser spektakuläre Zweistunden-Temperamentsausbruch betitelt.

Die Reise durch die Gefühlswelt einstiger Salonromantik beginnt mit bekannten Schlafliedern: „Ich hab’ die Nacht geträumet“, „Die Blümelein, sie schlafen“, mit Stellen lyrischen Verdämmerns, die sich liebevoll und rücksichtslos zu rauschhaft improvisierter Interpretationseitelkeit vergegenwärtigen, zum hellwachen „Fenjas Lullaby“ mutieren. Der Protestsong der 1848er Revolution „Die Gedanken sind frei“ gibt Drummer Tobias Schulte Gelegenheit, seine unglaublich schlagzeugerische Raffinesse unter Beweis zu stellen, selbst seinen Körper noch als beklopfbares Zusatzinstrument einzusetzen, und animiert den Pianisten, seine Tastenlöwenangriffslust auf panisch flüchtende Romantikbehäbigkeit freien Lauf zu lassen.

Höhepunkt des Abends ist zweifellos Goethe/Zelters „König in Thule“, tiefgefroren in einem Eiswinter auf Sylt in die unbekümmerte Welt popbarocken Wohllauts gesetzt und mittels vehement lodernder Frischzellenkur im Zehntstadel heißgerockt. Wahrlich ein Meilenstein zeitgenössischer Jazzgeschichte. Schlafzimmersoul mit Kuschelfaktor, befreites Dahinfließen weich gespülter Traurigkeit, Hand in Hand mit einem tönenden Kosmos überwältigender Sturm- und Drang-Aggressivität. Buchstäblich von den Sitzen reißend. Szenenbeifall. Mehrfach.

„Heißa Kathreinerle“ aufgepeppt zum „Heißen Kathreinerle“ und schließlich, im Dreifachgriff cooljazziger Noblesse, irgendwie doch zur „Hot Kathy“ gewandelt. Und Johannes Brahms’ finales „Wiegenlied“ (Guten Abend, gut’ Nacht) lässt, trotz berauschend emotionalen Schmerzlichkeitsgehaltes, denn doch niemanden zu Schlummer oder dergleichen verleiten. Beifall, Beifall, Beifall.

Helmut Kircher (Augsburger-Allgemeine)

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